Mord im Waldviertel

Der Borkenkäfer und die Unschuldsvermutung Österreich: Neulich noch ein gigantischer strammer Stamm – heute bereits ein totes Stück Materie. Die Fichten zerbröselten wie ein Keks. Die Resultate der Obduktion ergaben: Es wurde gefoltert und durchlöchert

Der Borkenkäfer und die Unschuldsvermutung

Österreich: Neulich noch ein gigantischer strammer Stamm – heute bereits ein totes Stück Materie. Die Fichten zerbröselten wie ein Keks. Die Resultate der Obduktion ergaben: Es wurde gefoltert und durchlöchert – bis die Opfer einen langsamen Tot starben. Schließlich wurde notgeschlachtet, gefällt und final in viele kleine wertlose Stücke zerteilt. Ein Schlachtfeld von Tausenden und Abertausenden breitet sich vor Dr.Bohnatello aus, als er den Tatort betritt – niedergestreckt als wären es Zahnstocher. Hier treibt aber nicht die italienische Mafia ihr Unwesen, sondern ein Insekt. Ins Fadenkreuz des Hobby-Detektivs wandern schnell die seit jeher heimischen sowie gefräßigen Horden fichtenwütiger Borkenkäfer der Buchdrucker- und Kupferstecher-gang. Beide eint ein volles Vorstrafenregister. Schon in vergangenen Jahren verwüsteten sie ganze Landstriche. 2017 verwandelten sie ganz Österreich in eine Mondlandschaft. Ließen dabei Fichtenleichen im Wert von 17 Millionen zurück – und raubten den Bauern und Förstern den letzten Nerv. Auch 2018 sollen sie in einem nie da gewesenen Ausmaß, die stolzen Vertreter der Bäume – binnen Wochen niedergestreckt haben. Soweit der erste Verdacht. Doch nach der ersten Befragung stellt sich heraus: Die Käfer verfügen allesamt über Alibis. Zum betroffenen Zeitpunkt behaupten sie, gemeinsam, bis zur Ekstase, eine riesige Gewerkschaftsparty im Waldviertel gefeiert zu haben. Schon in den vergangenen Jahren bestritten sie vehement jegliche Mitschuld. Grund genug für Dr.Bohnatello, mit weiteren Interviews fortzufahren: Der Bürgermeister gab zu den Akten, die Waldgemeinschaft der Fichten wäre schon öfter bei ihm vorstellig geworden. Die Gemeinschaft setzte sich vor dem Massaker vehement für die Vielfalt im Ökosystem als auch den Klimaschutz ein. Sie stresste das aktuelle Wetter offenbar enorm. Sie seien zudem frustriert und enttäuscht gewesen, weil ihnen ein Grundwasseranschluss, ein Sturmschutz und ein Sonnensegel verwehrt wurden. Diese seien vom Land Jahr um Jahr abgelehnt worden. Laut dem neugierigen und verdächtig dreinblickenden Peter Burglar seien die Türen schon seit mindestens Juli nicht verschlossen gewesen. Das Wandererehepaar Bauer echauffierte sich während der Befragung sehr direkt über den ungepflegten Wald: “Drinnen schauts schon des Längeren aus als hätte die Teutonen gewütet. Alles liegt herum – nichts hat seine Ordnung – ein wahrer Saustall.” Laut deren Schilderungen ließen sich die Fichten schon länger hängen – gingen nicht mehr in die Arbeit und schmissen die Nadeln und Äste schon frühzeitig zu Boden. Vom einstigen Stolz des Waldes sei ihnen zufolge nur noch ein lustloser Haufen übrig gewesen. Der Ermittler tappt völlig im Dunkeln. War es Selbstmord? Gar Mord? Oder lediglich ein Raubdelikt? Was geschah in der Nacht von Sonntag auf Montag?

Was war passiert? Wie passen diese Aussagen zusammen?

Der gestresste Baum

Der erste Verdacht: Es war Selbstmord. Denn so ein Baum ist ein durch und durch chilliger Zeitgenosse. Er wächst langfristig. Aus CO2 baut er sich über Jahr und Jahrzehnte neue Äste, tiefere Wurzeln sowie eine dickere Haut auf. Auf kurzfristige Veränderungen reagiert er hingegen hochsensibel. Der Klimawandel stellt ihn deshalb auf eine spezielle Probe. Jedes Jahr klettert das Thermometer auf neue Rekordwerte. Jedes Jahr sinkt der Grundwasserspiegel weiter. Jedes Jahr erschwert sich sein Leben. In Österreich kletterte die jährliche Durchschnittstemperatur im letzten Jahrhundert um 2 °C nach oben und stieg damit 2- bis 3-mal stärker als jene der Nordhalbkugel. 17 der letzten 18 Jahre gingen weltweit als die heißesten in die Messgeschichte ein. Die Wurzeln verdursten. Der Baum ist gestresst. Das äußert sich bei ihm aber nicht dadurch, dass er schusselig wird und Autos tollpatschiger Weise zertrampelt. Bei Bäumen äußert sich “Trockenstress” optisch dadurch, dass sie sich wie bei einer depressiven Verstimmung hängen lassen. Als Reaktion auf den Wassermangel verfärben sich zunächst die Blätter und Nadeln – dann geben sie sich gänzlich auf und schmeißen die Blätter und Nadeln zu Boden – manchmal sogar inklusive der Äste. Im Wald schaut´s aus. Es scheint als wollte er sich von einer riesigen Last befreien. Aber auch andere Arten von Stress herrschen bei Bäumen vor. So kann sie auch ein erhöhter Schnee-/Eisdruck oder Sturmschäden aus dem Konzept bringen. Synchron zu einem gestressten Menschen kriecht das Immunsystem eines gestressten Baumes am Zahnfleisch daher. Die Folge: Er wird öfter krank, anfälliger gegen Stürme und kann weniger Harz produzieren – ein wichtiges Schädlingsschutzmittel. So lässt er Türen für Schädlinge weit offen. Krankenstände häufen sich.

Klimawandel verdrängt die Fichten aus Mitteleuropa

Gerade die sehr heimatverbundene Gemeinschaft der Fichten wusste über ihr Schicksal früh bescheid. Ihre Nadeln erröteten. Ihre Rinde erblasste. Die Blühen erblühten schon alle 3 Jahre. Braunes Bohrmehl bröselt aus ihnen heraus. Erste Symptome für die Klimawandelkrankheit. Für die nahe Zukunft zeichnete man ein wahrlich düsteres Bild für sie: Für das Weinviertel, das nördliche Burgenland und die Südoststeiermark sowie die waldfreien Hochlagen sollen sie sich nicht mehr eignen. Bis Ende dieses Jahrhunderts soll es für die Fichte zusätzlich in immer weiteren Teilen Österreichs eng werden – sogar aus dem Mühl- und Waldviertel müssen sie weichen. Fichten werden demnach bald zum Relikt aus vergangenen kalten Tagen mit lauen Lüftchen werden. “Wir haben beim Land auch schon um einen Evakuierungsplan angesucht, wollten im Ernstfall nach Norwegen fliehen”, leider vergeblich: “Unser Urgenzen stoßt bei den Großkopferten aber auf taube Ohren!“, resignierte ein Überlebender der wasserliebenden Gattung.
Fakt ist: Extreme nehmen infolge des Klimawandels zu: Dürren sind dürrer – Stürme sind stürmischer. Das größte Handicap der Fichten im Kampf um den Standort: Sie verfügen meistens über keine tiefen Wurzeln, die ihnen bei Extrembedingungen Halt sowie Zugang zu den Grundwasserreserven geben würden. Wassermangel versetzt sie deshalb schneller in Trockenstress, bei Sturm plumpsen sie schneller um.

Dieses Jahr brachten eine geringe Winterfeuchtigkeit im Winter und die außerordentlich heiße, trockene und windreiche Witterung im April 2018 den Stein ins Rollen. Der Jahresordnungspunkt “Vermehrung” zementierte schließlich ihr Grab. Während der Wald blühte und an Autowäsche nicht zu denken war, verausgabten sich die Fichten völlig. Ihre Abwehrkräfte glichen danach 100-jährigen HIV-Kranken ohne Behandlung.
Bei derartigen Schicksalsschlägen häuft sich zwar die Suizidrate – trotzdem, der Ermittler verwirft seine Selbstmordhypothese. Für ihn verdichten sich die Indizien nach und nach: Das Alibi des Käfers muss auf Wasserdichtheit geprüft werden.

Käfer in Ekstase

Auf der einen Seite: Die kranke Fichte ohne Zukunftsperspektive und das extreme Wetter. Auf der anderen Seite: Der Borkenkäfer – der größte Profiteur des Klimawandels. Dieser gerät bei warmen Witterungen auf Touren – feiert die Party seines Lebens. Immer weniger Winter, unterschreiten die magische -10 bis -15 Grad Grenze in denen er erfrieren würde. Immer mehr dieser acht Millimeter kleinen Schädlinge bohren Gänge in die Lebensadern der Bäume. Gestresste, hilflose Fichten erzeugen ein Gefühl der Ektase in ihnen. Nach Sturm und Frostschäden aktiviert sich ihr Aufmerksamkeitspegel. Kranke und gebrochene Stämme riechen sie 30 km gegen den Wind. Nicht rechtzeitig beseitigte Käferbäume bzw. vorhandenes Brutmaterial stellen ein optimales Vermehrungspotenzial für sie dar. In ihnen führen ihre Larven ein Leben wie die Made im Speck – schlüpfen schneller aus dem Ei – fressen sich Nanometer um Nanometer durch das reichhaltige Fichtenbuffet. Pro Jahr zeugen sie bei diesen Umständen zudem mehrere Generationen, welche sich durch die Fichtenwälder schlemmen. Nach Sturm, Eis oder Schneebrüchen und Dürre vermehrt er sich explosionsartig. Allein in Österreich mussten heuer vier Millionen Festmeter Holz der Sorte “Borkenkäfer” begraben werden. Das bedeutet einen Anstieg von knapp 14 Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2017. Auf der Rechnung der österreichischen Bundesforste stehen dieses Jahr 23 Millionen. Darin spiegeln sich Mindererlöse im Holzpreis wider, Mehrkosten durch Käferbekämpfung sowie höhere Holzernte- und Logistikkosten.
Der erste Eindruck ist klar: Wären Käfer haftbar, müssten sie ohne mit der Wimper zu zucken nach Guantanamo überführt und ihre Konten gepfändet werden – G´fraster. Aber ist die Lösung so einfach? Ist der Käfer wirklich ein böser Fichtenmörder ohne Gewissen?

Der Borkenkäfer und sein Holz

Bei dem Borkenkäfer handelt es sich weder um einen Mörder noch um einen Sardisten. Er durchlöchert den Wald nicht deswegen, weil er dem Förster und dem Bauern etwas z’fleiß tun will. Der Holzliebhaber feierte zum Tatzeitpunkt eine Gewerkschaftsparty, weil er seine Aufgabe im Ökosystem zuvor mit Bravour erfüllt hatte. Die lange Dürre im Sommer gefolgt auf einen schneearmen zu warmen Winter – und der stürmische Frühling ließen viele Verletzte und Kranke unter den Fichten zurück. Wie ein Fuchs dünnte er dort die Schwachen und Gebrechlichen aus. Dazu brach er in unverharzte wehrlose Bäume ein und seilte seine Larven ab. Das fiel ihm genauso schwer, wie es Einbrecher fallen würde, durch eine unverschlossene Tür zu wandern. Mit ein Grund, warum es zum Spaziergang für den Käfer wurde: Einst wurde das Pflanzen von Fichten gefördert. Heute wachsen in 50-61 % der österreichischen Wälder Fichten. Fichten, die an den Klimawandel nicht angepasst sind. 50-61 % der österreichischen Wälder sind demzufolge leichtes Käferfutter. Bei dem Delikt des Käfers handelt es sich nicht um Mord – ja nicht einmal um ein Einbruchsdelikt. Wenn man schon jemanden die Schuld geben will, dann muss man sie bei jenen suchen, die sie einst pflanzten.

Der Käfer ist nicht einmal ein Einbrecher

Die Tatsache, dass die Türen unverschlossen blieben, entlasten den Käfer. Dieser versuchte ohnehin lediglich, seinen Nachkommen einen sicheren Start zu verschaffen. Auch wenn die Auswirkungen gewaltig anmuten. Ohne die vom Menschen herbeigeführte Erwärmung des Klimas wären die Fichten sicher. Bei gesunden Fichten würde der Käfer förmlich im Harz ersticken. Die Türen wären verschlossen. Der Nachwuchs müsste auf der Straße bleiben. Deren Populationen könnten nicht explodieren.

Irgendetwas passt nicht in die Collage. Irgendetwas fehlt.
Dr.Bohnatello vermutet Komplizen.

Der ordentliche Wald

Unordentlich ist des Nachbarn Graus sowie insgesamt DAS Unwort der österreichischen Nation. Für den guten heimischen Wald gibt es folglich nur eine korrekte Wachstumsrichtung: Gerade – und das parallel zueinander. Im Normalfall steht Fichte an Fichte und Monoplantage an Monoplantage. Nur in äußersten Ausnahmesituationen – also wenn der Baum erkrankt oder vom Winde verweht wurde – wird der Zustand “unordentlich” (nur bis die nächste Fichte gepflanzt wurde) akzeptiert. Jetzt geht Dr.Bohnatello ein Lamperl auf vor seinem inneren Auge. Hinter dem, wohinter sich der Traum vieler Förster, Bauern und anderer Leute, die gerne mit Holz hantieren, verbirgt, versteckt sich in Wahrheit der programmierte Untergang jedes funktionierenden Ökosystems.

Die Wartung des Schlosses

Der Borkenkäfer nimmt in einem funktionierenden Ökosystem die wichtige Rolle als Destruenten ein. Sie zersetzen tote und kranke Bäume und schaffen so Platz für Neubesiedelungsversuche von Bäumen, die dem Standort besser angepasst sein können. Gleichzeitig versorgen sie den Wald dadurch mit neuen Nährstoffen. Funktionierende Ökosysteme weisen eine hohe Robustheit auf, weil sie natürlicherweise durch eine breite Aufgabenverteilung und vielen Akteuren stabilisiert werden. Nimmt man jetzt aber wie bei den ordentlichen und geraden Fichten-Monoplantagen, die Vielfalt heraus. Verteilt sich die Last auf nur wenige fragile Schultern bzw. Äste. Bereits kleinste Ursachen können ein explosionsartiges Wachstum von Borkenkäfern nach sich ziehen. Fliegt man dann auch noch über Jahre hinweg nach Paris, kauft sich mehrere Handys gleichzeitig und bestellt Lebensmittel und Kleidung aus Fernost – ist also quasi Teil der Konsumgesellschaft – entwickelt sich der Klimawandel genauso rasant, wie er sich im letzten Jahrhundert entwickelt hat. Die Schlösser der Fichten schließen nicht mehr. Pflanzt man dann auch noch schöne ordentliche Monoplantagen an, die jedes funktionierende Ökosystem verspotten, darf man sich am Ende des Tages nicht wundern, wenn die Fichten Monoplantagenreihe um Monoplantagenreihe zerbröseln wie ein zu trockener Keks. Denn genau dann: Hat man den Einbrechern selbst die Tür geöffnet und braucht sich keine Haftung der Versicherung erhoffen. Schätzungen zufolge sind rund  8.822.267 Millionen Österreicher für dieses Szenario mitverantwortlich (Stand Jänner 2018).

Jetzt kann er den Tathergang rekonstruieren

Nach einem kurzen Anruf bei der Forstbehörde kann nun auch das letzte Puzzleteil eingefügt werden.

Es trug sich wie folgt zu: Die menschgemachten klimatischen Extreme rafften die anfälligen Fichten so weit nieder, dass sie bereits am Sterbebett lagen. Durch deren systematischen Anbau in Monoplantagen standen sie an vorderster Front zum Klimawandel und endeten schließlich als Kanonenfutter der Borkenkäfer. Die im Ökosystem angestellten Borkenkäfer durchlöcherten die schwachen und nicht geeigneten Bäume mit dem edlen Gedanken Platz für geeignete Bäume zu schaffen. Um die schutzlosen Bäume nicht wahllos von Sturm dahinraffen zu lassen – und um die weitere Verbreitung der Käfer zu minimieren, leistete der Förster auf Anweisung der Behörde selbst Sterbehilfe um eine Epidemie zu verhindern und begleitete die Fichten Monoplantagenreihe um Monoplantagenreihe auf ihrem letzten Weg ins Nirvana. Das Rätsel wurde enträtselt – der Fall ist gelöst. Was mit den freien Flächen geschieht, ist noch nicht klar. Es wird aber gemunkelt, dass sie wieder mit Fichten bestellt werden.

Die Erkenntnis

Da kann man schon einmal sagen: Uuups, da haben wir wohl alles andere als nachhaltig und zukunftsgewandt gedacht – und definitiv einen Fehler begangen – indem wir lauter Monoplantagen pflanzten und 50-61 % der österreichischen Waldflächen mit Fichten bestückten – und dafür sogar Förderungen einsackten/überwiesen. Aber weil der Mensch Mensch ist, zeichnet er sich nicht unbedingt darin aus, sich seine Schuld einzugestehen, sondern schiebt sie auf einen der sich nicht wehren kann: Den Borkenkäfer. Und wenn sie ihn zu fassen bekommen, sitzt er für seine Verbrechen lebenslänglich.

Was bleibt ist die Erkenntnis: Fichten und Monokulturen sind von gestern und werden immer weiter zerbröseln. Eichen, Buchen und Mischwälder und ein nachhaltiger Lebensstil sind die Zukunft.

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