Jährlich holzen wir eine Fläche der Größe Griechenlands ab

Die Verbrennung der Wälder, die Lebensmittelindustrie und die Reinkarnation des Holzes “Was kann das Holz dafür, wenn es als Geige erwacht?”, fragte sich der französische Dichter Arthur Rimbaud einst. “Was macht ein Dichter mit einer

Die Verbrennung der Wälder, die Lebensmittelindustrie und die Reinkarnation des Holzes

“Was kann das Holz dafür, wenn es als Geige erwacht?”, fragte sich der französische Dichter Arthur Rimbaud einst. “Was macht ein Dichter mit einer Geige?”, fragen wir uns. Trotzdem spinnen wir seine Gedanken heute weiter: “Was kann das CO2 dafür, wenn es als Holz erwacht?”Wie viel wissen wir überhaupt über die Reinkarnationsform von Holz? Warum teilen wir den Schwarzen Peter an die Entwicklungsländer aus? Und was in aller Welt kann die Kuh dafür, wenn ihr Soja schmeckt? Viele Fragen am Anfang und eine große Leere. Wollen wir aber Mitteleuropa zu einem verzaubernden Badeparadies für Groß und Klein aufpolieren – müssen wir die Leere zügig mit Wissen füllen. Zunächst sollten wir aber die Rahmenbedingungen kennen, die uns näher an unser Ziel manövrieren.

Die Abholzung und dessen Auswirkungen auf das Klima

Bei so einem Wald kann es schon einmal passieren, dass man vor lauter Bäumen seine eigentliche Bestimmung gar nicht mehr erkennt. Da sieht man vielleicht gerade noch die Silhouette eines potentiellen Holzstückes, aus dem man einst eine geschmeidige Geige schnitzen oder ein Baumhaus bauen könnte – aber wenn wir uns dann etwas in die Details vertiefen, sprengt das rasch die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Denn viel engagierter gestaltet sich das Unterfangen: Vor lauter Holz den Kohlenstoff noch ausfindig zu machen – geschweige denn den Klimawandel. Doch dieser Wald, diese Bäume haben eine beutende regulierende Stellung im Weltklima. Der höhere Sinn dieses Waldes besteht demzufolge nicht darin, die Geigenbauer dieser Welt mit Rohstoffen zu beliefern. Nein nein, viel eher stellt er einen wichtigen Speicher von Kohlenstoff, dar. Die Untereinheiten des Waldes, also die Bäume, nehmen bei der Photosynthese nämlich dieses böse CO2, das in aller Munde ist, aus der Luft auf – das ist Teil ihres Wachstumsprozesses – und speichern es. Schneidet man diese Untereinheiten jetzt aber im großen Stil um und verbrennt die Überreste des Gesamtkonstruktes, um in der daraus entstehenden fruchtbaren Erde schöne Monokulturen oder Weiden für Rinder anlegen zu können – wird der gespeicherte Kohlenstoff in Form von CO2 abrupt freigesetzt. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt. Dort patrouilliert dieses unsympathische Gfrast von Teilchen nach der Verbrennung dann um unsere Atmosphäre und nimmt die Wärme, die von der Erde ins Weltall entfleuchen will als Geisel. Die Geiseln werden von ihr wie in einer überdimensionalen Käseglocke eingepfercht. Das macht sie schon immer: Würde es gar keinen Treibhauseffekt geben, wären wir in einer -18 °C kalten Gefriertruhe gefangen. Jetzt aber nehmen diese Herren Grenzbeamten ihrem Job ernster als nötig. Noch nie patrouilliere mehr CO2 in der Atmosphäre. Die Grenzen zwischen Weltall und Erde erscheinen so dicht wie nie zuvor. Die Folge: In einigen Gebieten der Erde wird es siedend heiß. Der Käse schmilzt zu Fondue – Menschenfleisch wird beidseitig goldbraun geröstet. CO2 wurde zum Staatsfeind Nummer eins vornehmlich südlicher Nationen.

Kein Baum – kein Sauerstoff

Was den Baum angeht: Der Baum als Individuum vermochte es, sich während des Verbrennungsrituals, von seinem irdischen Dasein zu entsagen. In seinem neuen Aggregatszustand schwebt er von da an erlöst von all seinen Qualen – als CO2 gen Himmel auf. Der Nachteil: In seinem nun erlangten höheren Geisteszustand als Grenzen patrouillierendes CO2, fühlt es sich leider partout nicht mehr für seine bäumlichen Zuständigkeitsfelder verantwortlich. Seine irdische Aufgabe dieses böse CO2 aus allen Mündern in gutes 02 – also Sauerstoff – für alle Münder und Lungen – umzuwandeln, bleibt zusätzlich unerledigt. Der gemeinsame Nenner: Der Wald, die Waldbäume – und die Waldtiere, die der Brandrodung nicht schnell genug entfliehen konnten, gehen mit reduzierter Wiederaufnahme durch die verbliebenen Bäume in Rauch und Asche über. Mit ihnen verpuffen unsere Klimaziele noch schneller zu einer Wolke aus befreitem Holz – aus Co2. Auf diese Art zeichnen sich insbesondere die Entwicklungsländer durch die Entwaldung als für 18-25 Prozent der Erderwärmung verantwortlich. Zusammen mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe stellen sie die Hauptursachen für die stattfindende Klimaerwärmung dar.

Warum wir Wälder abfackeln/abholzen?

Hauptsächlich verbrennen wir Holz nicht, um ihm einen Übergang in ein schmerzfreies Dasein zu ermöglichen. Die Wälder weichen Plantagen und Nutzflächen um unseren ständig größer werdenden Hunger nach Fleisch, Lebensmitteln und Agrartreibstoffen etc. zu befriedigen. Alles in allem werden 70 Prozent aller Agrarflächen auf der Erde für die Futterproduktion oder als Viehweiden genutzt. Es regiert die Kettensäge, Feuerwalzen planieren das Land. Treibende Kraft: Die steigende Nachfrage nach billigen Gütern – zugespitzt durch eine ständig wachsende Bevölkerung. 2050 erwarten die Vereinten Nationen 9,7 Milliarden Menschen auf unserem (noch) grünen Planeten. Gegenüber dem Stand von Oktober 2018 (rund 7,63 Milliarden) – ein Wachstum um 27 Prozent – und das in 32 Jahren!

Erschwerend hinzukommend erlangen immer mehr Länder Wohlstand. Dafür benötigen wir fortwährend neue Flächen um Tierfutter (Soja), Biosprit (Palmöl, Zuckerrohr) oder Lebensmittel (Kaffee, Avocado, Bananen) gedeihen zu lassen. Ein Großteil dieser Flächen entsteht in Regenwaldgebieten. Doch die Böden in diesen Regionen sind arm an Nährstoffen. Die Gefahr einer Erschöpfung wiederum sehr groß. Unter der Last einer intensiven Nutzung versteppen beziehungsweise trocknen sie irreversibel aus. Dadurch muss immer mehr Urwald vernichtet werden, noch mehr Arten verschwinden, noch mehr Flächen werden unbrauchbar. Was bis dort hin noch nicht vernichtet wurde, fällt der Papierindustrie, dem Abbau von Rohstoffen, Infrastrukturprojekten sowie Holzgewinnung für Kohle und Brennholz zum Opfer – teilweise illegal. Dafür sind unsere Supermärkte mit Billigfleisch, Obst und Gemüse zum Bersten gefüllt. Im Winter heizen wir, im Sommer grillen wir und das ganze Jahr drucken wir auf Papier. Aber das Beste: Die Süßigkeiten schmecken einfach fantastisch.

Die Zeche zahlen auf der einen Seite die Tiere und die Ureinwohner die für Jahrhunderte im und vom Wald gelebt, ohne ihn zu zerstören. Auf der anderen Seite zollt auch die Wissenschaft ihren Tribut: Unzählige bislang unerforschte Tiere und Pflanzen werden zerstört, in denen Wirkstoffe gegen Krebs, Alzheimer etc. enthalten sein könnten.

Europäer holzten europäischen Urwald ab

Die Europäer erlangten schon früh in der Geschichte (auf Kosten Anderer) Wohlstand. Früh begannen sie damit, ihre Urwälder abzubrennen und abzuholzen. Brandrodung war lange Zeit in Europa eine gängige und nachhaltige Praxis. Agrarfelder und Infrastruktur wurden bereits früh angelegt. Schiffe wurden zu Wasser gelassen. Öfen wurden befeuert. Holz spendete Wärme. Holz spendete Ritus. Verstorbene verbrannten gleichermaßen wie Hexen und Magier am Scheiterhaufen. C02 wurde freigesetzt. Die europäischen Urwälder wurden andererseits in den letzten 8000 Jahren nach und nach dem Erdboden gleichgemacht. Es wurde gefällt und gerodet, was das Zeug hält. Pflanzen und Tiere verschwanden. Feen und Waldgeister wurden ausgerottet. Unsere Vorfahren haben uns durch diese frühzeitige Verbrennungen des Beweismaterials, hervorragend aus der Bringschuld manövriert. Nur noch ein paar vereinzelte Mohikaner im Ausmaß von 0,2 % des Urwaldes verharren und warten auf bessere Zeiten. Urwälder in Europa – (fast) Fehlanzeige.

Nach der großen Abholzung pflanzte man den Wald Stück für Stück neu. Heute setzt sich der europäische Wald großteils aus Wirtschaftswäldern in denen Buche und Eiche, Fichte und Kiefer dominieren zusammen – immerhin will ja der Tischler tischlern und der Geigenbauer Geigen bauen. Bei uns existieren aktuell keine schützenswerten ähnlich großen Wälder mehr, die gerodet werden könnten. Langeweile für jeden begnadeten Brandroder und Holzfäller. Das Know-how wurde wiederum kurzerhand bis in die abgelegensten Gegenden transferiert. Die entferntesten Länder beheimaten heute die besten Holzer und Fackler. Sie zeichnen sich verantwortlich für die aktuelle Klimakrise – so die europäische Meinung.

Wer bekommt den Schwarzen Peter zugesteckt?

Die Entwicklungsländer tragen die Schuld – und Australien

Egal wie viel CO2 wir in die Atmosphäre blasen – Schuld tragen immer die anderen. So auch im aktuellen Fall. Die Rodung des europäischen Urwaldes liegt schon zu lange zurück. Mit erhobenem Finger zeigen wir nun auf Brasilien, Australien, Tansania, Nigeria und Indonesien. In diesen Ländern türmen sich aktuell die größten Holzspänehaufen – gehen die intensivsten Rauchschwaden aus CO2 auf. Urwald wird abgeholzt, gerodet und verbrannt, was das Zeug hält. Brasilien holzte eine Fläche von der Größe Großbritanniens an Waldgebieten und Savannenarealen ab. Sie mussten Monokulturen aus Sojapflanzen weichen. Diese besitzen eine zentrale Bedeutung in der Tiermast, um den riesigen Appetit auf Fleisch in China und der EU, zu tilgen. Ob es der Kuh überhaupt schmeckt, kann nicht belegt werden. Gesicherterweise stecken im Soja jedoch viele Eiweiße, welche die Kuh, das Schwein und das Hendl schnell wachsen lassen. In Australien musste die zweitgrößte Fläche weichen. Der Grund: Umwandlung in Weide- und Ackerflächen sowie Kohletagbau. Der Rest fiel den verstärkten Waldbränden infolge des Klimawandels zum Opfer. In Afrika setzt der Wanderfeldbau dem Wald zu. Wälder werden für kleinflächige Felder in Brand gesteckt. Nach kurzer intensiver Nutzung zieht die Gemeinschaft aufgrund von ausgelaugten Böden weiter und fackelt den nächsten Wald ab. In Nigeria gingen 60 % des Waldes verloren. Ein beträchtlicher Teil des illegal geschlagenen Holzes gelangt als Billig-Grillkohle in europäische Märkte. Indonesien verfügt über eines der strengsten Naturschutzgesetzte weltweit. Indonesien nennt aber auch eine der höchsten Korruptionsraten sein eigen. Das Resultat: Indonesien planierte seit 1990 ein Viertel seiner Wälder. Nirgendwo schießen mehr Palmölplantagen aus dem Boden.

Es passiert also vom Grundprinzip her dasselbe als einst bei uns: Wälder weichen höheren Zielen der Ernährungssicherheit sowie der Konsumlust. Der einzige Unterschied: Die Fehler sind nun messbar. Nationen mit einem hohen Waldbestand in der Bringschuld sich nicht kurzfristig zu bereichern, sondern langfristig zu denken.

Der gemeinsame Nenner – die Messung des C02

Der Baum kann wenig dafür, dass er aus Holz besteht. Er kann auch wenig dafür, dass er CO2 in sich speichert, um eines Tages groß und stark zu werden. Es kann auch nichts für die Gier und die Ignoranz des Homo sapiens. Seinen Job in der Sauerstoffmanufaktur GmbH als Grüne Lungen der Welt geht er solidarischerweise und ohne Bezahlung nach. Trotz seiner gemeinnützigen Arbeitseinstellung muss er in den meisten Gebieten der Erde für die Visionen der Menschen weichen, aus denen sich diese kurz-, mittel- oder langfristig einen finanziellen Benefit erhoffen. Dieser ist das Gfrast. Dieser muss schleunigst etwas an der aktuellen Situation verändern – um nicht selbst bei lebendigem Leibe goldgelb gebraten zu werden – und somit das selbe Schicksal zu erleiden wie die von ihm brandgerodeten Wälder.

Alarmierend genug sollten abschließende Fakten sein: Die gegenwärtige Konzentration von CO2 liegt um 40 % oberhalb des vorindustriellen Werts. Jahr um Jahr speisen die Menschen unglaubliche 32 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre ein. 1,6 Milliarden Kindern könnte man zu ihrem Geburtstag damit einen Heißluftballons befüllen – jedes Jahr. Seit dem Übergang des Menschen zur Sesshaftigkeit und somit dem Ackerbau reduzierte sich die weltweite Waldfläche drastisch: Von einst 6,2 Milliarden Hektar (41 % Bewaldung) schrumpfte die Waldfläche auf 4,0 Milliarden Hektar (31 % Bewaldung). Das entspricht einem Minus von 35 % der globalen Waldfläche. Derzeit geht jährlich ein Rückgang um etwa 13 Millionen Hektar – das entspricht der Fläche Griechenlands – in die Analen ein.

Aus der Haftung können auch Dichter nicht ausgeschlossen werden, die dem Konsumrausch erliegen und sich zusätzlich zu Papier überflüssigerweise Geigen kaufen, welche dann mangels Talent am Scheiterhaufen verbrannt werden und als CO2 zum Himmel aufsteigen.

Das Verständnis der aufstrebenden Nationen dafür zu erlangen, nicht dieselben Fehler begehen zu dürfen, wie die “reichen Nationen”, wird zur Mamutaufgabe der Menschheit werden. Erschwerend hinzu kommt, dass die “reichen Länder”  genau aufgrund dieser Praxen überhaupt erst zu Wohlstand gelangten, die sie nun den Entwicklungsländern “verbieten” wollen.

Genau dieses Unterfangen könnte allerdings zum Scheideweg für die Menschheit und den Planeten werden.

 

 

Please follow and like us:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bohnenpromenade Newsletter

Wir backen Cookies. Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung