Interview mit einem Chiasamen-Vampir

Mexiko: Er reist zum Gespräch in einer Kiste, um nicht auch für das Flug-Ticket bezahlen zu müssen. In dieser Kiste reiste er zusammen mit einer stark ramponierten Voodoo-Puppe, die von einem starken Aggressionspotenzial zeugt. Auf der Brust der Puppe sind

Mexiko: Er reist zum Gespräch in einer Kiste, um nicht auch für das Flug-Ticket bezahlen zu müssen. In dieser Kiste reiste er zusammen mit einer stark ramponierten Voodoo-Puppe, die von einem starken Aggressionspotenzial zeugt. Auf der Brust der Puppe sind die letzten Teile der Aufschrift “Marketing” zu erkennen. Wir sprechen heute mit ihm.

Bohnenpromenade: Herr Chia-Samen, woher kommt eigentlich Ihr Name?

Übersetzt aus der Sprache der Maja heißt Chia so viel wie “Kraft”. Glaubt man der mexikanischen Volksmedizin, soll ein einziger Teelöffel Chia-Samen genügen, um einen Menschen für 24 Stunden mit ausreichend Energie zu versorgen. Sie können mich aber gerne Ernesto nennen.

Ok Ernesto, wie geht es Ihnen?

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, es ging mir definitiv schon einmal besser. Denn wissen Sie, ich persönlich bin ein absoluter Einzelgänger. Es macht mich fertig, wenn ich abends über mein Feld spaziere und es dort zu geht, als wären wir auf einem Zeltfest: Überall ist es laut. Und überall tummeln sich die Chia-Samen in meiner Heimat in Mexiko.

Ist es wirklich so schlimm?

Sí, mucho (muss sich kurz sammeln). Ich erinnere mich gut daran zurück: Noch vor gar nicht all zu langer Zeit, war ich einer der letzten unserer Spezies. Und ich führte ein tolles Leben. Jeden Tag marschierte ich, solange ich wollte über die leeren Felder, genoss alleine den Sonnenuntergang und das schöne Klima. Früher war einfach alles besser!

Wie konnte es nur so weit kommen?

Ehrlich gesagt war es eh nicht immer ganz so ruhig auf unseren Feldern. Schon in der vorspanischen Zeit wurde Chia wie verrückt von den Azteken, den Teotihuacán und später von den Tolteken in Mexiko angebaut. Zu dieser Zeit wurden wir als Medizin verwendet. Sie können sich vorstellen, was da los war. Auch zu diesen Zeiten wurde ich schon gehypt. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich anschließend nicht so viel reisen musste wie heutzutage. Es reichte oft, wenn ich ins nächste Dorf fuhr. Und nach den Eroberungen der Spanier war es sowieso für hunderte von Jahren so unglaublich ruhig hier. Und ich war lange lange Zeit einer der letzten unserer Art. Das war so schön.

Wer hat Ihnen Ihre Idylle geraubt?

Erst 1997 gewann ein damals 52-jähriger Tarahumara-Indianer einen 100-Meilen-Lauf in den USA. Der Amerikaner Christopher McDougall veröffentlichte daraufhin das Buch Born to Run. Das soll dem Hörensagen nach den Chia-Boom ausgelöst haben. Ich kenne keinen der beiden. Was aber klar ist: Die Marketingstrategen der Welt taten ihren Rest dazu. Infolge des daraus resultierenden Booms verirrten sich einige von uns bis nach Südamerika und Amerika. Ja, sogar in Kenia und Australien werden wir jetzt angebaut. Ich hoffe, es geht ihnen dort besser als uns.

Und wie können wir uns Ihren jetzigen Tagesablauf vorstellen? 

Ich sitze zunächst erst einmal dicht gepfercht und in einem regelmäßigen Abstand von 0,5 – 0,8 Metern zu den anderen Chia-Pflanzen auf dem Feld. Die Sonne glüht und es brennt mir auf meine Stirn. So weit mein Auge reicht, sehe ich nur Chia-Pflanzen. Hin und wieder kommt jemand vorbei und sprüht mich etwas ein. Ich glaube nicht, dass es Sonnencreme ist, weil es immer ein bisschen juckt. Alles in allem warte ich aber dann 120 – 180 Tage darauf endlich geerntet zu werden. Dann kann mein Triumphzug erst so richtig starten: Ich werde in die schönsten Verkleidungen mit den tollsten Aufschriften verpackt. Darauf steht dann oft, dass ich der “Superste” überhaupt bin – ein “Superhombre” quasi: Die Dicken mache ich dünn. Die Dünnen mache ich schön. Die alten mache ich jung. Ob es auch stimmt, ist wissenschaftlich nicht 100%ig gesichert. Egal!

Danach reise ich als Superfood um den gesamten Globus. Ich komme mir manchmal vor, als wäre ich ein Rockstar. Die Leute reißen mich gerade eben aus den Regalen – die Jungen, die Alten, die Hässlichen und die Schönen. Und dann kommt mein großer Auftritt: Ich sauge den dummen Konsumenten das ganze Geld aus deren Brieftaschen. Ich erwische aber dabei nicht nur die Dummen. Ich erwische Sie alle! Ob dick, dünn, groß oder klein – ich erwische sie in bester Vampir-Manier.

Sie haben uns eingangs auch gesagt, dass Sie das gar nicht so gerne machen?

Um ehrlich zu sein, wird mir beim Reisen immer schlecht und ich bekomme Durchfall. Deshalb stinkt es im Anschluss bestialisch, weshalb ich dann wiederum ständig speiben muss. Das ist keinem Superstar würdig. Früher war ja das noch nicht ganz so schlimm. Da bin ich nur in Mexiko und Zentralamerika herumgereist. Aber heute werde ich in die ganze Welt verschifft und das obwohl es genug regionale Alternativen zu mir gäbe.

 

Meinen Sie Leinsamen?

Sí! Vom Nährstoffgehalt und den positiven Wirkungen auf die Verdauung sind wir mit ihnen vergleichbar. Und auch der Gehalt der Omega-3-Fettsäuren, die für viele unserer positiven Gesundheitseffekte verantwortlich sind, ist mit Leinsamen vergleichbar.

Also sind Sie gar nicht wirklich super?

Unter uns: Ich bin nicht mehr oder weniger Superfood wie die Leinsamen.

Haben Sie eine abschließende Bitte an unsere Leser?

Sí sí por favor. Ich will ja nicht lamentieren, aber die Marketingexperten sollen doch bitte diese schönen Pickerl auf die Leinsamen draufpicken. Und die Leute sollen doch bittschön ihre depperten Leinsamen essen, die direkt vor ihrer Tür wachsen – anstatt mich über den gesamten Globus zu verschiffen. Ich würde dann verschont und müsste nicht in so saukalte Gegenden fahren, wo ich auf dem Weg meinen Darminhalt auf jede nur erdenkliche Weise entleere – das ist doch kein Leben. Und eines Stars würdig, ist es schon gar nicht. Uns fragt schließlich keiner, ob wir das überhaupt wollen!

 

Superfood 0 – Normales Food 1

 

P.S.: Heute kommen Leinsamen standardmäßig leider nicht von einheimischen Feldern. Vielmehr werden sie aus Kostengründen oft aus Indien, China, der Ukraine oder Kasachstan importiert. Deshalb sollte man sich entweder bei der Leinölmühle erkundigen oder genau auf die (leider noch nicht verbindliche) Herkunftsangabe achten.

 

 

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