Gibt eine Kuh eigentlich immer Milch?

Milchproduktion: Schwangerschaft als Dauerzustand Die Milchproduktion verlangt den Kühen viel Arbeit ab. Durch spezielle Züchtungen geben sie heute das 10-Fache an Milch als ihre Vorfahren. Dazu müssen Kühe ständig schwanger sein. “Schatz, wir sind schwanger”,

Milchproduktion: Schwangerschaft als Dauerzustand

Die Milchproduktion verlangt den Kühen viel Arbeit ab. Durch spezielle Züchtungen geben sie heute das 10-Fache an Milch als ihre Vorfahren. Dazu müssen Kühe ständig schwanger sein.

“Schatz, wir sind schwanger”, schreit Susi. Doch sie weiß nicht, an wen die freudige Botschaft gerichtet ist. Um es genauer zu sagen, sie hat keine Ahnung, von wem das Kind nun eigentlich sein könnte.

Das passiert aber nicht deswegen, weil sie ihr Leben in vollen Zügen genießen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Susi ist eine Hochleistungsmilchkuh. Um Milch zu geben, muss sie zunächst einmal ein Kalb zur Welt bringen. Zu diesem Zweck brachte der Tierarzt das Sperma eines Hochleistungsrindes mithilfe des Handschuhs an seinen Platz. Alternativ übernimmt der Zuchtbulle persönlich. 9 Monate später kommt dann das Kalb zur Welt. Zur Freude über das Neugeborene bleibt leider keine Zeit. Nach der Geburt werden die Kälber meistens innerhalb weniger Stunden von ihren Müttern getrennt. Ein Kuhdrama – für Mutter und Kind. Die für die Kälber gedachte Muttermilch, melkt dann ein Melkroboter – 3 Mal täglich – 10 Monate lang. Die Kälber ernähren sich währenddessen mit Milchersatznahrung. Einmal im Jahr kommt sie in diesen fragwürdigen Genuss. Sonst gibt es kein Joghurt. Kein Eis. Keine Milchschnitte.

Die Milchleistung ändert sich über die Wochen hin. Kurz nach der Geburt steigt die Milchleistung stark an. Das Maximum erreicht sie nach 7 Wochen. Dann bleibt sie gut zwei Monate auf hohem Niveau. Bereits 6–8 Wochen nach der Geburt ihres Kalbes wird die Kuh erneut besamt, damit sich das Spiel wiederholt. Nur maximal 2 Monate vor der nächsten Geburt kann Susi nicht gemolken werden. So schafft sie jährlich mindestens 305 Milch gebende Tage. 

Ein Meisterwerk der Zuchtzunft?

Susi verkörpert den Inbegriff einer glorreichen Züchtungsgeschichte. Sie gehört der weltweit am häufigsten genützten und leistungsstärksten Milchrasse an: Dem Holsteinrind. Als solches kommt sie auf bis zu 50 Tetrapacks (à 1Liter) Milch pro Tag, die sie durch ihre Zitzen “presst”. Natürlich ohne Verpackung. Im Vergleich: Die Vorfahren der Milchkuh hatten deutlich kleiner Euter und gaben nur rund 1,4 Liter Milch. Eine gesunde Kuh um rund 1900 produzierte noch immer lediglich 5 Liter pro Tag.

“Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das brennt und wie anstrengend das ist”, teilte uns Susi bei unserem Besuch mit. Für 1 Liter Milch muss Susi ihr gesamtes Euter mit 500 Liter Blut durchspült. Eine Mammutaufgabe für den gesamten Organismus.

Derartige Leistungsdaten haben leider ihren Preis: Susi darf, wie der Großteil der europäischen Kühe nicht auf die Weide. Denn unkontrolliertes Grasfressen minimiert die optimale Milchausbeute. “Jeden Tag stelle ich mir vor, wie es wäre einmal auf der Wiese zu stehen und Kleeblätter zu mampfen” träumt sie vor sich hin. Doch auch ihr Traum gerät nicht in Erfüllung. Die Geschichte von Susi endet wie auch jene von Rudi dem Schwein im Schlachthof. 

Theoretisch könnte Susi 10 Laktationen überleben. Praktisch treten aber unzählige Probleme auf, die dazu führen, dass eine Kuh aussortiert wird. Deshalb werden Holsteinkühe nach durchschnittlich 3 Laktationsperioden ausgetauscht. Weil ihr Fleisch leider auch nicht geeignet ist für Steak etc, wird sie schließlich zu Wurst faschiert.

Holsteinkühe segnen bereits nach durchschnittlich 5,8 Jahren das Zeitliche. Ein Großteil ihres Lebens waren sie schwanger.

Über 90 % aller Kühe werden aus 4 Hauptgründen geschlachtet:

Problem: Kuh ist unfruchtbar. Würden die Mutterkühe nicht kurz nach der Geburt wieder befruchtet, wären sie am Ende ihrer Laktationsperiode nicht mehr wirtschaftlich nutzbar. Lösung: Kuh faschierten.

Problem: Kuh erkrankt an Brustdrüseninfektion (Mastitis). Lösung: Kuh faschierten.

Problem: Kuh lahmt, weil sie falsches Futter bekam. Lösung: Kuh faschierten.

Problem: Kuh laugt aus. Zur Produktion von Milch werden Aminosäuren aus der Muskulatur der Kuh mobilisiert. Ein Abfallen der Milchleistung unter 15 Liter ist unrentabel.  Lösung: Kuh faschierten.

 

 

 

*faschiert  = geschlachtet

2 thoughts on “Gibt eine Kuh eigentlich immer Milch?

  1. Habe vorigen Urlaub mit meinen auf dem Bauernhof verbracht. Die Kuh hat eben ein Kalb geboren. Wie aufgeregt waren die Kinder, als die Probleme mit Euter bekam. Intensives Reiben mit Salbe und Injektionen haben doch die Kuh gerettet. Bis heute höre ich von den meinen: wie geht es unseren Golda und Bella. Für die urbanen Kindern wäre der Beitrag sehr interessant!

    1. Herzlichen Dank für den Kommentar. Es ist manchmal echt erschreckend, wie wenig oftmals die Realität mit der allgemein bekannten Bauernhofidylle zu tun hat. Die Tiere werden abgeschottet und die wenigsten wissen, wie ein moderner Bauernhof wirklich funktioniert.

      Ich hoffe Golda und Bella gehts nach wie vor gut!?

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