Der Ingwer und der geheime Pakt mit den Chinesen

Ingwer intravenös, bitte! China: Ein exotischer Duft in der Nase. Ein reizvolles Prickeln auf der Zunge. Ein erotisches Kribbeln auf der Haut. Nur ein paar Sekunden, dann vergeht die Erregung der Sinne. So muss das

Ingwer intravenös, bitte!

China: Ein exotischer Duft in der Nase. Ein reizvolles Prickeln auf der Zunge. Ein erotisches Kribbeln auf der Haut. Nur ein paar Sekunden, dann vergeht die Erregung der Sinne. So muss das Spiel aber nicht enden: Nach einem erneuten Schluck fängt es von Neuem an! Ingwer ist nicht nur ein Aphrodisiakum für die Sinne, sondern auch ein Feuerwerk für das Immunsystem. Diese scharfen Träume stricken sich indes aus Stoffen wie Gingerolen und Shagaolen. Sie sind die gesundheitsfördernden Kräfte, die den Run auf Ingwer auslösten – der eine in frischer, der andere in getrockneter 160.000 Scoville scharfer Form.
Der Auftrag beider lautet: Die Menschheit von ihren Leiden und Gebrechen zu erlösen. Das Ziel erscheint zwar ach zu fern – trotzdem liegt darin der Grund begraben, warum man heutzutage regelrecht erschlagen wird von der Wucht, mit der einem diese Wurzel Tag für Tag begegnet.
Jedes In-Restaurant, das etwas auf sich hält, hat ihn auf der Speisekarte. Bobos und Hipster spritzen ihn nahezu intravenös – derart berauscht fühlen sie sich durch seinen Genuss. Und sogar bei den Otto-Normalverbrauchern steht er immer öfter auf dem Einkaufzettel: Der Ingwer!
Ingwer verwandelt faden Zitronensaft in Ingwer-Zitronensaft! Ingwer zaubert aus ordinärem Tee, Ingwertee! Durch sein Zutun durchwandert Ale das Upgrade zum Ginger Ale. Mit ihm kocht man nicht mehr Eintopf, sondern Curry. Kurzum: Ingwer verwandelt Gewöhnliches in Außergewöhnliches. Ingwer ist ganz einfach IN. Ingwer ist sogar dermaßen IN, dass der Anbau den Bedarf nur mehr schwer decken kann.

Sein Wandel
Das war aber nicht immer so. Lange war der Ingwer in Europa ein Nischenprodukt, verstaubte förmlich in den Regalen. Heute gehört er zur Crème de la Crème am Lebensmittelfirmament – vereint er doch die Begabungen “des Vaters der Heilkunde” Hippokrates und der Mutter “der sinnlichen Begierde” Aphrodite – komprimiert in einer kräftigen Wurzel. Aufgrund dieser Qualitäten fixierte er seinen Durchbruch. Jetzt konkurriert er mit dem allmächtigen Heiler Jesus höchstpersönlich. Man könnte sogar sagen: Nun ist er selbst ein Gott! Ärzte und Masseure fürchten gleichermaßen um ihre Kundschaft, wie Schamanen und Esoteriker. Wer braucht schon Handaufleger, wenn er Ingwer hat. Und wie hoch stuft man noch den Wert des “Wasser in Wein zu Verwandelns” ein – wenn man doch gleich Wodka zu Moskow Mule modifizieren kann.
Für den Siegeszug durch Europa benötigte er aber einen zweiten Anlauf.

Wie der Phönix aus der Asche
Ingwer wurde in China bereits vor zirka 4.000 Jahren kultiviert. Nach Europa fiel er das erste Mal mit Alexander dem Großen ein. In der Antike schätzten ihn Römer und Griechen als Allheilmittel. Nach der Entdeckung Amerikas geriet er in Europa dennoch etwas in Vergessenheit – und sein geistiger Rückzug wurde eingeleitet. Zu groß war von da an der Wettbewerb mit aus der Neuen Welt eingeschleppten Gewürzen und Heilmitteln. Erst spät startete er seinen zweiten Triumphzug durch Europa. Ab den 1960er Jahren feierte die Wurzel ihr großes Revival. Zunächst gossen ausgewanderte chinesische Köche, sein praktisches und theoretisches Fundament von Neuem. Diese waren es auch, die gleichzeitig die Speerspitze der zweiten Eroberungswelle bildeten. Durch sie verbreitete sich später der Kultus zum wiederholten Male. Nichtsdestotrotz: So groß wie augenblicklich, war sein Zuspruch noch nie. Inmitten der stressigen Arbeitswelt kommt er offenbar genau zur rechten Zeit. Denn zu keiner Zeit schwebte das Abendland durch eine hereinbrechende Epidemie in größerer Gefahr. Noch nie fühlten sich die Europäer kränker.

Die Werbung – des Ingwers bester Freund
Der Anstieg der Ingwerimporte verdoppelte sich in den letzten 5 Jahren noch einmal. Der Ingwerhype erreicht immer neue Höhepunkte. Denn Ingwer ist geil! Ingwer macht geil. Ingwer verschönert. Ingwer verdünnt. Ingwer antioxidiert. Ingwer heilt. Alle Weltenbürger werden erlöst von ihren Qualen. Das verspricht zumindest die Werbung. Durch sie erlangte er den Platz als Mittelpunkt des Ingwerversums wieder. Ohne die Werbung wäre dieser steile Aufstieg aus der Asche wohl nicht erdenklich gewesen. Ohne Werbung würde er noch immer früh morgens in den verstaubten Regalen auf den Putzmann warten: Bitte gib mir nur noch eine aller letzte Chance! Bitte entstaube mich nur noch einmal und positioniere mich! Denn morgen ist mein großer Tag. Morgen werde ich bestimmt gekauft – da bin ganz sicher. Der Ausgang ist bekannt. Heute ist er der Dealer und entscheidet, wann die “Süchtigen” mit ihrem “Stoff” versorgt werden. Heute ist er der Stoff aus dem Träume gestrickt sind. Heute ist er das Elixier, das sich Gesundheits- und Liebesjunkies verabreichen. Jetzt wartet er auf zahlungskräftiges Publikum. Jetzt ist er ein Star, dessen Bekanntheitsgrad alle Rekorde bricht.
Er ist die Miley Cyrus unter den IngwerInnen – der Justin Beever unter den Knollengewächsen. Zudem durchwanderte er eine ähnliche Entwicklung wie die beiden VIPs: Früher interessierten sich nur kleine Menschen für sie, heute auch große. Heute sind sie überall. Heute sind sie prominent. Mit Prominenz einher geht aber gleichzeitig eine hohe Nachfrage. Diese hohe Nachfrage will getilgt sein. Das wiederum erzeugt hohen Druck. Dieser wiederum mündet in eine gesteigerte Anfälligkeit gegen äußere Einflüsse.

Die Rettung des Abendlandes –
die Verschwörungstheorie
Die Datenlage ist eindeutig: Die Überalterung der Bevölkerung nimmt immer größere Dimensionen an. Die gebildeten Schichten suchen tückische Erkrankungen wie Orthorexia nervosa, eine Art “Gesund-Ess-Sucht”, heim. Ein Blich auf die Geburtenstatistik Europas zeigt deutlich: Die Manneskraft dümpelt auf niedrigem Niveau dahin. Die arbeitende Mittelschicht zerfleischt sich lediglich selbst durch ihren eigenen Arbeitseifer. Alle anderen – sind bereits verloren. Ganz klar, wir brauchten und brauchen Hilfe, wollen wir die Arbeitsmoral aufrechterhalten und somit unser Land vor dem wirtschaftlichen und vitalen Kollaps behüten. Doch wer soll uns dabei retten?

China – die erste Wahl
In einer globalisierten Welt reicht es längst nicht mehr aus, eventuelle Eindringlinge und Symptome mit Knoblauch oder Tomaten zu bewerfen. Wir brauchen diffizilere Abwehrstrategien für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft.

Nach eingehender Prüfung der Optionen erscheint der Plan plausibel. Die Chinesen sind mit über 1,4 Milliarden Personen (nach offiziellen Zahlen) das einwohnerreichste Land der Welt. Würden sie nicht gesund und potent sein, würde das doch grundsätzlich anders aussehen! Oder? Daneben waren sie vermutlich die Ersten, die Ingwer überhaupt angebaut haben. Das reicht erstmal für eine positive Beurteilung des Angebots.
Wir holen uns billige Unterstützung aus China. Sie sollen unsere müden Knochen heilen und unser Feuer aufs Neue entfachen. Das Übereinkommen beinhaltete Folgendes: Wir bewerkstelligen eine Art Kulturaustauschprogramm mit den Chinesen. Wir bekommen Ingwer, sie bekommen Milch – und Thomas Brezina. Die Milch ruft bei ihnen ohnehin Durchfall und Flatulenz hervor, weil sie von der Natur nicht für das Milchtrinken geschaffen sind. Ätsch! Denn anders als der Okzident kann das einstige Kaiserreich keinerlei Vorfahren vorweisen, die sich, beginnend vor 7500 Jahren, an Milchzucker gewöhnten. Zuvor war es auch bei uns äußerst exotisch, wenn jemand Milch vertrug. Das wussten die Chinesen im Vorhinein nur nicht.
Gesagt getan: Beißendes Geschreie und Getose einer Menschentraube von Tausenden und Abertausenden stürzen jedes Mal auf ihn ein, sobald er das Land betritt. Von diesem Zeitpunkt an schwang sich Thomas Brezina zur verehrten Zentralfigur unter den chinesischen Autoren auf, setzt dort mehr Bücher ab, als in jedem anderen Markt. Plus: Die chinesische Nation verteilt Milch in allen erdenklichen Aggregatszuständen auf ihren Reis – stäbelt beides mit voller Inbrunst. Und macht ihre Zuneigung für die Speise durch lautes Schmatzen kund – ein wahrer Hochgenuss für deren Gaumen und das Ohr. Alles andere als einen Freudentaumel stellt das Folgende dar: Der Aufwand, der mit dem Entfernen des Selbigen aus dem Darm einhergeht, erscheint unverhältnismäßig größer und ist von individualisierter Geräuschkulisse umgeben.
Fernab der Ereignisse im Fernen Osten, ernannten wir Ingwer in der Zwischenzeit, dem Pakt entsprechend, zu unserem geistigen Anführer und Schamanen – trinken seinen Heiltee – rollen den roten Teppich aus und verehren ihn ebenfalls wie einen epochalen Helden.

Das Trojanische Pferd
Nur was wir nicht wussten: Die Chinesen schicken uns, vielleicht als Revanche, das cleverste Trojanische Pferd aller Zeiten. Sie senden uns gewissermaßen nicht nur den Ingwer. Sie liefern uns auch gratis die Pestizide, die seit Mao in ihren Böden schlummern und sich nicht so leicht vertreiben lassen, frei haus mit. Dass die Volksrepublik das Thema Menschenrechte mit den Füßen tritt kommt noch dazu. Plus: Der chinesische Drache (er heißt Long) stellt momentan (noch) kein Gütesiegel für hochwertige Agrarerzeugnisse dar. Know-how im Bezug auf die Erzeugung von nachhaltigen Lebensmitteln fehlt demnach weitestgehend. Dafür herrschte lange ein hoher Druck auf die Erzeugung. Als kommunistische Volksgemeinschaft wollte man schlichtweg unabhängig gegenüber den Kapitalisten sein.

Ein Stück chinesische Mentalität
Die Medizin des Chinesen heißt TCM (Traditionelle Chinesische Medizin). Diese entwickelte sich seit mehr als 2000 Jahren in China. Grundsätzlich geht diese unter anderem davon aus, dass jeder Teil, den die Natur in monumentaler Art und Weise in eine phallusförmige Form gehüllt hat, potenzfördernd sein muss – das versteht sich von selbst. Alles, was aussieht wie ein Penis, muss zweifelsohne dem Penis zugutekommen! Deshalb verkürzen sie jede nur erdenkliche Lebensform auf Gottes Erde, um exakt diesen länglichen Teil – pulverisieren ihn – und führen ihn anschließend ihrer zweckmäßigen Bestimmung zu: Der Neubestückung ihrer Liebeskraft. Ingwer weißt dieses erfolgsversprechende Charakteristikum auf – Nashornhörner, Elefanten- und Narwalstoßzähne leider auch. Einhörnern sind demzufolge womöglich schon der Potenz der Chinesen zum Opfer gefallen. Narwale, Rhinozerosse und Elefanten befinden sich am besten Weg dahin.
Ingwer weißt in dieser Reihe gewissermaßen ein Sonderstellungsmerkmal auf, denn er wächst als Einziger nach. Der Bedarf ist aber hoch, deshalb ist die Natur oft ganz einfach zu langsam. Und im natürlichen Kontext gibt es viel zu viele konkurrierenden Faktoren, die diese perfekten penisgleichen Gebilde bedrohen bzw. bekiefeln würden. Um eine “Out-of-Stock-Situation” dennoch zu umschiffen, sowie formvollendete Phallusse zu modellieren, erscheint der Gedanke nur plausibel: Mann und Frau werden alles nur Menschen mögliche unternehmen um die Natur zu “schützen” – bzw. ihr zu helfen. Aufgrund dessen gedeiht der Ingwer heutzutage oft in Monokulturen. Weil diese Kulturen aber mangels Diversität oft sehr anfällig gegen Schädlinge, Pilze etc. sind, lässt man sich in dieser Problematik von Chemiekonzernen und Agrarfirmen beraten. Diese Konzerne haben bei Schwellen- und Entwicklungsländern natürlich bessere Argumente als hierzulande. Und auch die Gesetzesbücher quellen dortzulande nicht durch viel zu viele unnötige “Umweltschutzparagraphen” über.

Superknolle Ingwer
Von Ingwer isst man im botanischen Sinne, das Ingwerrhizom, also den teilweise unterirdisch wachsenden Wurzelstock. Dieser speichert im primären Sinn eigentlich die Nährstoffe der Pflanze für Notzeiten. Erst im erweiterten Sinne wird dieses Rhizom für den Verbrauch in der Küche jung und zart geerntet. Ingwerpulver gewinnt man im Gegensatz dazu aus der alten und groben Wurzel. Dazu wächst er deutlich länger.

Hier kommen die Chemiekonzerne wieder ins Spiel: So ein Rhizom wächst zum Teil unterirdisch und speichert alles, was es finden kann für Notzeiten. Weil es sich noch dazu schützen möchte, bekommt es eine dicke Haut – die Schale. Viele der wertvollen Vitamine und entzündungshemmenden Stoffe sitzen in und unter ihr. Denn sie fungieren im Ingwer als Schutz, gegen Fraßfeinde, Hitze, Pilze etc. Um alle Vorzüge des Ingwers zu entfachen, sollte die Schale möglichst mitverarbeitet werden. In diesem tadellosen und unangekiefelten Exterieur liegt aber nun der Hund, eingebettet zwischen den gesundheits- und potenzfördernden Komponenten, begraben. Dieser “Hund” ist im chemischen Sinne freilich eher ein Pflanzenschutzmittel, synthetischer Dünger oder Ähnliches. Diese lassen den Ingwer so richtig schön graziös erstrahlen. Dieser Hund hat es sich in der Schale nur dummerweise recht gemütlich gemacht. Egal wie viele Leckerli Sie ihm hinlegen, der kommt da partout nicht mehr raus. Viel eher kann es passieren, dass er seine Streunerkollegen zusammentrommelt und sie dann gemeinsam durch die Ingwerschalen-Hundehütten ziehen. Bio-Ingwerschalen-Hundehütten sind vor diesem Team dann nicht gefeit. Den einzigen Ausweg aus diesem Dilemma: Die Hütte abzureißen inklusive der Heilkräfte der Schale.

 

Da gibt’s doch sicher Alternativen? 

Unsere Lebensmittel sind obsolet, fade, aus der Mode. Der Ferne Osten ist im Trend. Deshalb kaufen wir Ingwer und Kurkuma wie die Irren – stopfen sie uns in alle Öffnungen – verteilen sie in unseren Venen und Arterien. Und warum? Weil uns irgendjemand sagt, dass es viel besser sei als alles was wir je hatten. In Wirklichkeit ist der Ingwer nicht alleine mit seinen antioxidativen Eigenschaften. In Österreich gibt’s zum Beispiel mehr als genug Zwiebel, Knoblauch etc. mit vergleichbaren Wirkungen – nur schmeckt das halt nicht so gut im Tee oder im Cocktail – und hört sich nicht so hipp an.

Wir lassen uns blenden von der trickreichen Medienlandschaft. Diese versteht es wie sonst kaum jemand, in Ländern einen Bedarf zu erzeugen. Unsere Aufmerksamkeit liegt einzig und alleine bei neuen Märkten. Und welche Güter wir gewinnbringend kaufen und verkaufen könnten. Darum lassen wir unsere Lebensmittel in entfernten Ländern günstig produzieren und hebeln damit strengere Menschenrechts- sowie Umweltgesetze hierzulande aus. Als Folge dessen bersten unsere Supermärkte durch eine Fülle an moralisch bedenklichen Lebensmittel aus Billiglohnländern. Unsere heimischen Lebensmittel werden zusehends vernachlässigt – der Klimawandel vorangetrieben. Doch uns ist das egal. Wir stopfen uns immer mehr Ingwer in die Adern und träumen von einem besseren Leben.

Wacht auf!

Ach, macht doch was ihr wollt.

Scheiß auf den Klimawandel: Wir wollen Ingwer!

 

Klimawandel 1 : Frida 0

Österreichischer ingwer

P.S.:

China im Rule of Law Index

China belegt im Jahre 2018 Rang 108 (von 113) in der Sparte «Fundamental Rights». Für weitere Faktoren der Rechtsstaatlichkeit in China vgl. die verlinkte Website

China im Human Development Index

China belegt Rang 86 im Entwicklungsindex 2018 der vom UNO-Entwicklungsprogramm publiziert wird

Amnesty International

Die Regierung entwarf und erließ 2017 weiterhin Gesetze unter dem Deckmantel der “nationalen Sicherheit”, die eine schwere Bedrohung der Menschenrechte darstellte

 

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